Test: Meine Erfahrungen mit dem Kindle 3
Nachdem es trotz großem Erfolg des Kindle hieß er würde den Sprung nach Europa nicht schaffen, tat er dies am 19. Oktober zur Frankfurter Buchmesse doch. Doch ist der Amazon Kindle wirklich so gut, als dass er das gedruckte Buch ersetzen könnte? Mein Testbericht versucht Antworten zu liefern.
Elektronische Bücher verkaufen sich wie warme Semmeln. Experten rechnen für den deutschen eBook-Markt mit einem rasanten Wachstum — und in den USA verkauft Amazon bereits mehr elektronische als gedruckte Bücher. Bei diesem Riesengeschäft will natürlich jeder mitmischen. Große Elektronikkonzerne wie Amazon, Acer und Sony haben den Vorteil, dass sie bereits Millionen zufriedener Kunden besitzen — und diesen nun nur noch ihren eReader schmackhaft machen müssen. Doch auch viele kleine Hersteller (z.B. Archos, Prestigio, iRiver, TrekStor) probieren durch Konzentration auf Nutzerzufriedenheit den Giganten einen Teil des Kuchens streitig zu machen. Doch unangefochtener Marktführer Amazon hat mit der aktuell dritten Generation des Kindle das bisher beste Produkt entwickelt. Ich besitze den Kindle 3 seit einem halben Jahr und werde meine Erfahrungen im Folgenden schildern.
Die Qual der Wahl
Bei der Bestellung stellt sich die Frage ob man sich für die Variante mit 3G oder den günstigeren WiFi-Kindle entscheidet. Amazon bietet auf der Seite des Kindles eine gute Entscheidungshilfe (unter Unterschiede zwischen 3G und Wi-Fi). Der Preis des eReaders ohne 3G-Unterstützung wurde durch die zunehmende Konkurrenz von früher über 300€ auf mittlerweile 139€ gedrückt.
Ich empfehle nach meinem Test der offiziellen Lederhülle den Kindle auf jeden Fall gleich mit einer Schutzhülle zu bestellen. Wie von Amazon gewohnt wird sehr schnell und zuverlässig geliefert. Dann hat man eine schlichte Pappbox vor sich, die durch ihre Einfachheit eine ganz eigene Eleganz ausstrahlt und die Vorfreude auf den Inhalt noch zu steigern vermag. Die erste Hürde ist das Entfernen der Displayfolie — die sich dann als Display herausstellt. Beim Lesen ist dank modernster eInk-Technologie das Display des Kindle und die Seite eines Buches nicht mehr zu unterscheiden.
Der erste Eindruck begeistert
Beim ersten in der Hand halten gefällt das geringe Gewicht (mit 241g weniger als ein dünnes Taschenbuch) und der sichere Halt durch die gummierte Gehäuserückseite. Auch die Größe ist gut gewählt — groß genug zum angenehmen Lesen auf dem Display aber handlich genug um überall hin mitgenommen zu werden. Im Vergleich zum Vorgänger wurden beim Kindle der dritten Generation die Zifferntasten wegrationalisiert (Zahlen können durch Drücken der »SYM«-Taste eingegeben werden), bis auf die »Blättern«-Tasten sind alle Tasten nach unten gerutscht und die wichtigsten Anschlüsse und Tasten (Lautstärke, Mikrofon, USB, Kopfhörer, Ein/Aus, LED-Ladezustand) befinden sich nun unten am Gerät.
Insgesamt macht das Gehäuse einen hochwertigen und durchdachten Eindruck. Man merkt, dass Amazon von den Problemen der Vorgänger gelernt hat und nun vieles besser macht. In Deutschland gibt es den Kindle 3 nicht in der aktuellen Modefarbe weiß, sondern nur in schwarz (offiziell graphit). Doch das unscheinbare graphit erleichtert das Lesen ungemein, bei der weißen Version lenkt der helle Rahmen vom Text ab. Die Tastatur ist etwas klein und fummelig, wird aber selten gebraucht und erfüllt ihren Zweck.
Wörterbücher gratis mit dabei
Jetzt wird der eReader endlich eingeschaltet. Man wird persönlich begrüßt, denn der Kindle ist bereits mit dem eigenen Amazon-Konto verknüpft (kann geändert werden). In Deutschland ist beim Kauf schon das “Oxford Dictionary of English«, das “Duden Universalwörterbuch” und eine Anleitung kostenlos mit dabei. Die Wörterbuch-Funktion (Cursor vor Wort setzen und die Übersetzung oder Erklärung wird angezeigt) macht das Lesen fremdsprachiger Texte zu einem neuen Erlebnis. In wenigen Sekunden ist das WLAN-Netwerk konfiguriert und man kann mit dem Kindle im Internet surfen. Wer davor den Kindle 2 nutzte kann alle gekauften Bücher automatisch auf den neuen Kindle synchronisieren.
Einstellungen/Menü
Die Anzeige der Bücher kann individuell angepasst werden: Schriftgröße, Schrifart und Orientierung (Hoch– und Querformat) können frei gewählt werden.Die im Vergleich zu Büchern riesige Schriftgröße und die Text-to-Speech-Funktion (Texte werden automatisch vorgelesen) machen den Kindle auch für Ältere oder Menschen mit Sehschwäche zu einem interessanten Buchersatz.
Die Uhrzeit lässt sich nun auch manuell einstellen (führte in der Vergangenheit zu falschen Zeiten). Seit dem Firmware-Update auf die Version 2.5 werden auch die sozialen Funktionen wie Twittern und Teilen von Notizen unterstützt. Die Software des Kindle spricht jedoch immer noch nur Englisch. Es ist schon verwunderlich, dass Amazon ein Gerät so bewirbt, es dann aber nicht schafft die (wenigen) Menüs in die Landessprachen zu übersetzen.
Browser und andere Experiment
Noch immer gibt es den »Experimental«-Bereich. Hier wird ein einfacher MP3-Player (praktisch für Hörbücher) und ein simpler Webbrowser geboten. Ist ein WLAN-Netz verfügbar kann man jede beliebige Internetseite aufrufen, über 3G ist nur Wikipedia und der Kindle-Shop verfügbar. Der einfache Browser eignet sich zum Abrufen von Emails, dem Nachschlagen von Begriffen und dem Kaufen neuer Bücher — für alles andere ist er nicht gedacht.
Das gefällt am Kindle 3:
- WiFi-Verbindung
- Gewicht
- Schwarzes Gehäuse
- Webbrowser
- Display
- Tasten zum Blättern gut erreichbar
- große Auswahl im Kindle-Shop
- gratis integriertes Wörterbuch
- Kommentar-/Notizfunktion
- Dokumentenübertragung (Anleitung für drahtlosen Transfer vom eigenen PC)
Negative Punkte:
- englische Menüführung
- Tastatur
- das freie eBook-Format ePub wird nicht unterstützt (nur mit Trick)
Fazit
Der neue Kindle 3 überzeugt auf ganzer Linie. Seine Aufgabe, das Lesen von Büchern, meistert er mit Bravur. Auch die anderen Funktionen sind praktisch und ich kann nur zu einem Kauf des Amazon Kindle 3 raten (mit kulantem 30-Tage-Rückgaberecht).
Die spannendste Frage: Hat sich mein Leseverhalten geändert? Ja und nein. Ich kaufe zwar immer noch gedruckte Bücher aber normale Romane lese ich prinzipiell nur noch elektronisch für den Kindle. Die eBook-Variante ist vor allem bei Büchern, die nicht unbedingt im Bücherregal stehen müssen viel praktischer, da ich immer mehrer Bücher dabei haben kann und das Buch nach der Kaufentscheidung in Sekunden beginnen kann. Insgesamt lässt sich auf jeden Fall sagen, dass ich mehr und lieber lese.Ganz auf »echte« Bücher werde ich vielleicht nie verzichten können — womöglich liegt es daran, dass ich auf die Haptik des gedruckten Buches geprägt wurde. Die Generation, die mit dem eReader aufwächst wird das Buch wahrscheinlich gar nicht vermissen. Auch wenn die Deutschen der neuen Art des Lesens bisher mit Skepsis begegnen ist der Fortschritt nicht aufzuhalten und das Warten auf die Revolution vorbei.





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